Aachen/Essen. Die geplante Laufzeitverlängerung der Kernenergie schöpft das
CO2-Vermeidungspotenzial der deutschen Stromwirtschaft nur unzureichend aus. Zu diesem Ergebnis kommt eine heute in Essen vorgestellte Studie des Aachener Energieberatungsunternehmens BET. Bis zum Jahr 2030 könnten zwar durch eine Laufzeitverlängerung auf 40 Jahre fast 400 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden, stellt die vom Aachener Stadtwerke-Netzwerk Trianel in Auftrag gegebene Untersuchung fest. Die gleiche Menge des Klimagases ließe sich aber auch durch einen Umbau des Erzeugungssektors auf CO2-arme, hocheffiziente Technologien erreichen. „Die Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke aus Klimaschutzgründen springt zu kurz“, kommentiert der Sprecher der Trianel Geschäftsführung, Sven Becker, die Ergebnisse. Denn der Umbau des veralteten Kraftwerksparks hin zu CO2-armer Technik werde verhindert. Eine längere Betriebsdauer der Atommeiler würde für Klimaschutz und Wettbewerb daher zum Bumerang.
Die Laufzeitverlängerung wird nach der BET-Studie zu einem mehrjährigen Investitionsstau im Kraftwerksbau führen. Der vorgesehene Bau von hocheffizienten Gas- und Kohlekraftwerken in zweistelliger Milliardenhöhe werde verhindert. Der Investitionsstau löst sich erst ab 2020 auf, wenn dann – wie bislang geplant – die ersten Kernkraftwerke abgeschaltet werden. Er könnte sich allerdings noch deutlich verlängern, falls die Laufzeit auf mehr als 40 Jahre ausgeweitet würde.
„Das Erzeugungs-Oligopol der vier großen Energieversorger wird durch eine Laufzeitverlängerung langfristig festgeschrieben“, erläutert Becker. Auch die Forderung aller politischen Parteien nach mehr Konkurrenz im Erzeugungsbereich werde so konterkariert. Becker: „Ohne echten Wettbewerb bei der Stromerzeugung wird der Kunde allen Lippenbekenntnissen der Kernkraftlobby zum Trotz die Zeche zahlen müssen.“ Nur Wettbewerb garantiere niedrige Strompreise.
Laufzeitverlängerung an Abschaltung alter Kohlekraftwerke koppeln
Die Studie zeigt allerdings einen Lösungsweg auf. Er würde den Wettbewerbsgedanken und die Klimaschutzziele der Bundesregierung in Einklang bringen. Die BET-Forscher schlagen vor, eine Laufzeitverlängerung gesetzlich mit der Abschaltung alter Braun- und Steinkohlekraftwerke der Kernkraftwerksbetreiber zu kombinieren. Dadurch würden neue hocheffiziente Erzeugungsanlagen notwendig werden. Zudem ließen sich bis 2030 zusätzlich rund 400 Millionen Tonnen CO2 vermeiden.
Auch industriepolitisch ist der Ansatz sinnvoll. „Um den Forschungs- und Industriestandort Deutschland zu stärken, müssen kontinuierlich neue Kraftwerksprojekte angegangen werden“, heißt es in der BET-Untersuchung. Andernfalls drohe Deutschland bei wichtigen Zukunftstechniken im Kraftwerksbau den Anschluss zu verlieren.
Trianel fordert die Bundesregierung auf, die Stadtwerke an den Verhandlungen zur Laufzeitverlängerung zu beteiligen. „Im Rahmen des neuen Energiekonzeptes bietet sich die Chance, Klimaschutz und Wettbewerb in der Stromerzeugung entscheidend voranzubringen“, betont Becker. „Diese Chance sollte nicht vertan werden.“
(Zeichen 3202)
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