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„WUNsiedler Weg Energie“ – das Konzept für mehr Klimaschutz und Wertschöpfung vor Ort
Energieeffizienz 01.12.2016

„WUNsiedler Weg Energie“ – das Konzept für mehr Klimaschutz und Wertschöpfung vor Ort

Seit 2001 setzen die etwa 10.000 Bürgerinnen und Bürger, Politiker, Unternehmer und Mitarbeiter der Stadtwerke der oberfränkischen Kreisstadt Wunsiedel im Fichtelgebirge auf eine regionale und klimaverträgliche Energieversorgung. Mit Erfolg: Die Stadt hat bereits 2016 ihre für das Jahr 2020 gesetzten Klimaschutzziele erreicht. Das heißt in Zahlen: In Wunsiedel werden rein bilanziell 20 Prozent mehr Strom aus regenerativen Quellen produziert als verbraucht. Oder anders: Von den etwa 90 Millionen Kilowattstunden Strom im lokalen Stromnetz stammen bereits zwei Drittel aus lokalen Erneuerbare­Energien­Anlagen, vor allem auf Basis von Wind­, Sonnen­ und Bioenergie. Auch für einen Großteil des städtischen Wärmebedarfs sorgen erneuerbare Energien. Die Treibhausgas­Emissionen haben sich im Vergleich zum Basisjahr 2008 halbiert. Mit dem „WUNsiedler Weg 2.0“ gewannen die Stadtwerke Wunsiedel 2016 den Stadtwerke-Award 2016.

Trianel GmbH: Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des Stadtwerke Awards 2016. Was bedeutet diese Auszeichnung für Ihr Unternehmen, für Ihre Gemeinde, Ihre Kunden und Mitarbeiter und natürlich auch für Sie persönlich?

Marco Krasser, Geschäftsführer der SWW Wunsiedel GmbH: Wir alle freuen uns natürlich sehr über die Nominierung und letztlich auch den Gewinn des ersten Preises beim Stadtwerke Award 2016. Für unser Unternehmen und unsere Mitarbeiter, unsere Stadt und ihre Bürger bedeutet die Tatsache, dass wir den Award nach Wunsiedel holen konnten, eine Bestätigung dafür, dass der von uns konsequent verfolgte „WUNsiedler Weg Energie“ der richtige ist. Dass dessen Umsetzung auch in einem so bedeutenden Forum wie dem VKU­Kongress Anerkennung findet, ist für uns ein zusätzlicher Grund zur Freude.

Was war Ihre Motivation für das Erstellen eines so umfangreichen „Autarkie­Konzeptes“ für die Energieversorgung Ihrer Region?

Die Jahrtausendwende war insbesondere für die SWW Wunsiedel GmbH als Energieversorger und für die Stadt Wunsiedel voller Zukunftssorgen.  Aber  wir hatten den Mut und das Grundvertrauen in unsere Politik, in unsere Märkte, Umwelt unsere Mitmenschen und natürlich in uns selbst, die notwendigen Veränderungen als Herausforderung zu sehen und daraus etwas Gutes, Neues zu entwickeln, was unsere Region nachhaltig stärkt und ihre Lebensqualität stärkt. So kam es letztlich zum „WUNsiedler Weg Energie“. Die von Ihnen angesprochene Autarkie ist dabei nicht das Ziel, sondern lediglich ein Betriebszustand und Nebenprodukt. Unsere Hauptziele sind der Klimaschutz, die Stärkung der Wertschöpfung vor Ort sowie die Reduktion von Energietransport.

Was ist das Ziel des „WUNsiedler Wegs Energie 2.0“?

Mit dem WUNsiedler Weg Energie 2.0setzen die Stadtwerke Wunsiedel auf eine konsistente Klima­ und Energiestrategie bis 2030. Ziele sind eine weitgehend unabhängige Energieversorgung für die Region und der Ausbau der Stützfunktion für das übergeordnete Netz.

Was müssen Sie dafür tun?

Die SWW Wunsiedel GmbH (Strom Wasser Wärme Wunsiedel GmbH) baut dafür die erneuerbaren Energien unter anderem mit Bürgerbeteiligungsmodellen aus und schafft durch mehrere Biomasse­BHKW hohe Regelleistungskapazitäten, um Schwankungen im Netz auszugleichen und die Wärmeversorgung zu garantieren. Das Unternehmen verbindet alle Erzeuger, Speicher und Verbraucher über das eigene glasfaserbasierte Kommunikationsnetz, um den Energiebedarf untereinander abzustimmen. Eine Vielzahl von Energieeffizienzmaßnahmen sowie das Engagement für den Ausbau der Elektro­ und Erdgasmobilität runden den ganzheitlichen Ansatz der SWW Wunsiedel GmbH ab.

Mit welchen Effekten rechnen Sie?

Die SWW Wunsiedel GmbH setzt nun schon seit einigen Jahren verstärkt auf den konsequenten Einsatz und Ausbau regenerativer Energien und nachhaltiger Technologien. Diese ergänzen dabei die Energiegewinnung aus konventionellen Kraftwerken und tragen so zur Schonung fossiler Ressourcen bei. Die notwendigen Technologien werden mit Hilfe einer umfangreichen Palette an Dienstleistungsgesellschaften umgesetzt, die alle unter Beteiligung der SWW Wunsiedel mit lokalen Fachfirmen gegründet wurden. Entsprechend rechnen wir mit strategischen Wirtschaftsimpulsen für die Region und geringer werdenden Schadstoffen in unserer Region.

Das heißt genauer?

Durch das Nutzen von Solar­ und Windenergie, Holz und Reststoffen als nachwachsenden Rohstoffen und Energieträgern, Erdgas als Kraftstoff und modernen Anlagen zur Kraft­Wärme­Kopplung entstehen neue Arbeitsplätze. Wir sichern kommenden Generationen eine lebenswerte Zukunft. Durch die Kooperation mit wissenschaftlichen Einrichtungen mit unterschiedlichsten Forschungsschwerpunkten können auch zukünftige Energieerzeugungsmethoden bewertet und integriert werden. Wir beraten unsere Bürgerinnen und Bürger umfassend in Energiefragen, wie Fragen der Energieeinsparung, Effizienzsteigerung und Energieerzeugung für den Eigenbedarf. Wir zeigen und schaffen ergänzend Wege zu ressourcenschonendem Energieeinsatz und beteiligen unsere Bürgerinnen und Bürger investiv an diesen Projekten.

Sind die Einwohner Ihrer Region denn besonders „energiebewusst“?

Heute im Vergleich zum Anfang unserer Planungen sicher. Wir haben sehr früh auf Informationen und Beteiligungsmöglichkeiten für die Bürgerinnen und Bürger gesetzt. So konnten sich die Wunsiedlerinnen und Wunsiedler beispielsweise 2004 am Bau und Betrieb einer Photovoltaikanlage beteiligen.

Heute erzeugen schon 340 Solaranlagen auf Privat­ und Gewerbegebäuden Strom. 20 davon betreibt die SWW Wunsiedel GmbH. Bei uns sind sechs Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von 12,7 MW in Betrieb, vier weitere sind im Bau. Auch hieran beteiligten sich die Bürger. Mit 500 Euro lag die Beteiligungshürde für sie sehr niedrig. Das gewonnene Know­how wird in der interkommunalen Gesellschaft ZukunftsEnergie Fichtelgebirge GmbH gebündelt. Seit 2010 beteiligen sich hieran die Kommunen Arzberg, Kirchenlamitz und Wunsiedel, weitere sind zwischenzeitlich dazugekommen. Kernstück unseres innovativen Wärmekonzeptes ist unser Biomasse-Heizkraftwerk mit angeschlossener Pellet­Produktion zu dem drei so genannte Satelliten­Kraftwerke gehören. Diese Anlagen versorgen über ein Nahwärmenetz Wohngebäude und städtische Gebäude mit Wärme aus vor Ort gefertigten Pellets. In der WUN Bioenergie GmbH, dem Zentrum unseres Satellitenkonzepts, werden aus den Wäldern des Fichtelgebirges und des Frankenwalds stammende Resthölzer verbrannt. Mit der Abwärme der Anlage werden die im beteiligten Sägewerk anfallenden Sägespäne getrocknet. So entstehen jährlich rund 35.000 Tonnen Pellets, die wir in den Norden Bayerns, nach Thüringen und Sachsen liefern. Ein wesentlicher Teil der Pellets wird in die „Satelliten­Heizkraftwerke mit angeschlossenen Wärmenetzen“ geliefert, dort wird aus den Pellets wieder Strom und Wärme. Die Nahwärmeversorgung hat einen davon ganz unabhängigen weiteren Vorteil für die Kundinnen und Kunden: Mit den Rohren für die Nahwärme legen wir auch Glasfaserkabel und machen damit schnelles Internet möglich.

Wenn Sie in diesem Jahr bereits die Klimaziele für 2020 erreicht haben: Wie geht es weiter?

Wir wollen die Energieversorgung auf 100 Prozent regenerative Energien mit weiteren eigenen erneuerbaren Erzeugungsanlagen umstellen. Ergänzend wollen wir ein Steuerungssystem mit dezentraler Intelligenz installieren. Durch das intelligente Stromnetz („smart grid“) soll zum Beispiel die Speicherfähigkeit von Solarstrom erforscht und die Netzstabilität verbessert werden. Außerdem planen wir den Ausbau der Speichertechnologien wie z. B. Batteriespeicher, Power­to­Gas­ und Power­to­Heat­Anlagen, um zukünftige Überangebote an Ökostrom zu speichern und für andere Sektoren nutzen zu können. Ergänzend ist an die Nutzung des bereits vorhanden Potenzials zur Lastverschiebung durch intelligente Einbindung von Speicherheizungen in das Demand­Side­Management geplant.

Ist Ihr Konzept in anderen Kommunen schon auf Interesse gestoßen?

Unser Know­how in Sachen Energiewende exportieren wir sogar mittelbar ins Ausland. Seit 2014 unterhält Wunsiedel mit dem polnischen Łapy die erste deutsch­polnische Städtepartnerschaft im Bereich Energie­ und Klimaschutz. Die ostpolnische Gemeinde Łapy möchte in den kommenden Jahren energieautark werden. In der Woiwodschaft Podlachien hat das dortige Marschallamt das Ziel, eine effizientere und schonendere Nutzung der Ressourcen zu erreichen. Mit deutscher Hilfe wurde ein Klimaschutz­ und Energiekonzept erstellt. Mit Hilfe der Städtepartnerschaft mit Wunsiedel, die unter dem Motto „Energie verbindet“ steht, soll ein Wissenstransfer angestoßen werden. Weiterhin erhoffen wir uns dort eine höhere Akzeptanz für zukünftige Klimaschutzprojekte. Das erste gemeinsame Projekt war 2014 eine energetische Begehung der kirchlichen Liegenschaften in Łapy. Hier wurden der aktuelle Ist­Zustand und eventuelle Mängel der sakralen Gebäude festgestellt, um so beispielhaft die zahlreichen Möglichkeiten der Gebäudesanierung bzw. Energieeinsparungsmaßnahmen vor Ort näher zu beleuchten. Spätestens der Stadtwerke Award 2016 wird aber auch und besonders in Deutschland weitere Kommunen auf uns aufmerksam machen. Da bin ich sicher.

Herr Krasser, wir danken Ihnen für das Gespräch.