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Energiewende von unten – Stadtwerke können das
Klimaschutz 07.06.2018

Energiewende von unten – Stadtwerke können das

Im Schatten eines der national und international anerkanntesten Quartierentwicklungsprojekte – der Passivhaussiedlung „Bahnstadt Heidelberg“ – trafen sich am 5. und 6. Juni 2018 rund 70 Vertreter aus Stadtwerken, Kommunalpolitik und Beratung, um über die unterschiedlichen Facetten moderner Stadtentwicklungs- und Quartierslösungen zu informieren und zu diskutieren.

Die vier Trianel Netzwerke „Smart Metering“, „Energieeffizienz“, „Elektromobilität“ und „Dezentrale Erzeugung“ haben hier erstmals ihre viermal im Jahr stattfindenden Treffen gebündelt und in einem einheitlichen Veranstaltungsformat unter dem Thema Quartierslösungen zusammengeführt. Der Austausch der unterschiedlichen Experten führte zu interessanten Gesprächen und zeigte, dass Sektorkopplung auch Kommunikation unter einander braucht.

Das Feedback der Teilnehmer war sehr positiv. Gelobt wurde insbesondere, dass die verschiedenen Akteure und die unterschiedlichen Sichten bei der Quartiersentwicklung zusammengeführt wurden. „Das gegenseitige Verständnis macht es einfacher die unterschiedlichen Bereiche zu verzahnen. Dies wird in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen, denn der Kunde möchte alles aus einer Hand und fertige Konzepte: die PV-Anlage auf dem Dach, die flexible E-Auto-Flotte vor der Tür und einen Rundum-Service“, stellte Kristina Miller von Entega fest.

Zum Auftakt erläuterte Ralf Bermich aus dem Amt für Umweltschutz, Gewerbeaufsicht und Energie der Stadt Heidelberg die Vision der klimaneutralen Stadt Heidelberg. Er betonte die große Bedeutung der Stadtwerke für die Umsetzung und Zielerreichung der Klimaschutzstrategie von Heidelberg. „Klimaschutz hat in Heidelberg Tradition“, sagte Bermich und stellte die Rolle der Bahnstadt und des geplanten Innovationsparks auf der Konversionsfläche des ehemaligen US- und NATO-Hauptquartiers Campbell Barracks vor.

Klimaschutz- und Energiestrategie gehen Hand in Hand

„Die Handlungsfelder zur Erreichung der Heidelberger Klimaschutzziele sind Mobilität, Energieversorgung, Energieeffizienz, Konsum und Ernährung, eine klimaneutrale Universität, energieeffizientes Bauen und Sanieren sowie Bildung“, so der Physiker. Um hier erfolgreich zu sein, habe man früh mit den Stadtwerken gemeinsam die Energiekonzeption 2020 entwickelt und sukzessive seit 1992 umgesetzt. Das erste Ziel bis 2017 Heidelberg ohne Atomkraft zu versorgen, sei bereits erfüllt. Um die CO2-Emissionen zu reduzieren, werden die Stadtwerke ihre Stromeigenproduktion bis 2020 auf bis zu 40% erhöhen und die Energieeffizienz vorantreiben. Dabei setze man vor allem auf die Weiterentwicklung des gut ausgebauten Fernwärmenetzes, das zunehmend aus erneuerbaren Energien gespeist werden soll, und mache sich so auch unabhängiger vom Kohlekraftwerk in Mannheim. Gut 20% der Fernwärme in Heidelberg werden schon heute durch erneuerbare Energien bereitgestellt: „Unser großes Fernwärmenetz wollen wir für die Transformation der Infrastrukturen in Heidelberg nutzen. Damit setzen wir insbesondere auf die hervorragenden Speichermöglichkeiten des Fernwärmenetzes sowie auf die Weiterentwicklung auf ein erneuerbares System“, so Bermich weiter.

Das gemeinsam mit den Stadtwerken entwickelte Fernwärme- und Passivhauskonzept sei dabei ganz zentral, um Heidelberg zunehmend autarker und dezentraler mit Strom und Wärme zu versorgen, Speicherkonzepte zu entwickeln sowie die Sektorkopplung voranzutreiben. „Wir haben in kurzer Zeit viel geschafft und haben die Fernwärme bereits heute zu 20% auf erneuerbare Energien umgestellt“, hob der Leiter des Heidelberger Umweltamtes hervor. Ein weiterer Bestandteil des Klima- und Energiekonzeptes sei die Reduzierung des Energieverbrauchs. Dazu setze man in Neubaugebieten wie der Bahnstadt auf Passivhäuser sowie auf neue Technologien bei der Straßenbeleuchtung und intelligente Verkehrskonzepte.

Zusammenarbeit von Stadtwerk und Kommune ist der zentrale Erfolgsfaktor

Michael Teigeler, Geschäftsführer der Stadtwerke Heidelberg, hob die große Bedeutung einer guten Zusammenarbeit mit der Stadt für den erfolgreichen Umbau und Aufbau einer Stadt hervor. „Stadtwerke und Kommune gehen bei uns Hand in Hand. Nur so kann es gehen“, betonte er. Seit gut zehn Jahren setze man in Heidelberg gemeinsam die Energiekonzeption um und entwickle von der Erzeugung über Speicher bis hin zu Verbrauch und Energieeffizienz eine nachhaltige Energieversorgung. Mit Blick auf das große politische Ziel, bis 2050 eine fast vollständig dekarbonisierte Gesellschaft zu erreichen, hob Teigeler auch den nötigen technologischen und wissenschaftlichen Fortschritt hervor. „Nur mit der Technik von heute, werden wir die Klimaschutzziele nicht schaffen“, sagte er. Darum setze Heidelberg auch auf neue Technologien und eine intelligente Vernetzung bestehender und neuer Systeme. „Wir schauen uns immer erst an, was bereits da ist und noch gebraucht werden kann. Bei neuen Projekten schaffen wir die Voraussetzungen für neue Technologien und Weiterentwicklungen, auch wenn wir sie heute noch gar nicht einsetzen“, so Teigeler.

Als Beispiel nannte er das Thema Elektromobilität. In der Bahnstadt habe man das Thema noch nicht aktiv mitgedacht und umgesetzt. Allerdings habe man durch das Verbauen von Leerrohren die Möglichkeit geschaffen, auch hier aufzurüsten, ohne erneute teure Tiefbauarbeiten vornehmen zu müssen. Im Innovationspark sei das Thema Elektromobilität dagegen bereits aktiv in die Entwicklungsarbeit eingeflossen. Darüber hinaus setze man im Innovationspark auch neue Techniken für Kühlsysteme ein, denn „Kühlen ist das neue Heizen“. Für die Entwicklung des Kältenetzes profitiere man auch von den Erfahrungen und Beständen aus dem Fernwärmenetz. „Gerade in der Entwicklung von zukunftsfähigen Quartierslösungen gilt: Werte wertschätzen“, so Teigeler. Dazu gehöre die Einbeziehung  vorhandener Strukturen und der Erfahrungsaustausch mit Partnern. Als Beispiel nannte er das gemeinsam mit Trianel umgesetzte Smart-Metering-Projekt in der Bahnstadt Heidelberg. Hier habe man erkannt, dass der Einsatz von Smart Metering große Vorteile für Stadtwerke bringt, um die Beschaffung weg vom Standardlastprofil hin zu realen Verbrauchswerten auszurichten. Hier seien große Kostensenkungspotenziale in der Beschaffung möglich. Allerdings sei auch ein Ergebnis des Smart-Metering-Projekts, dass sich kaum Einsparungen durch Verhaltensänderungen in den Haushalten einstellen.

Quartierslösungen sind die Energiewende von unten

Ein Höhepunkt des Trianel Netzwerktreffens bildete die Podiumsdiskussion. Sven Becker (Trianel), Prof. Dr. Chirine Etezadzadeh (Bundesverband Smart City e.V.), Ralf Bermich (Amt für Umweltschutz, Gewerbeaufsicht und Energie Stadt Heidelberg) und Michael Teigeler (Stadtwerke Heidelberg) diskutierten unter der Leitung von Dr. Torsten Bischoff (Trianel) über die Rolle innovativer Quartierslösungen im Kontext der Energiewende und der Sektorkopplung. „Quartierslösungen sind so etwas wie die Energiewende von unten und beweisen, wie die Energiezukunft aussehen wird. Quartierslösungen sind vor allem da stark, wo die Energiewende im Großen noch Nachholbedarf hat“, sagte Sven Becker. Quartierslösungen punkten insbesondere bei den Themen Energieeffizienz und der Umstellung der Wärme auf effiziente und erneuerbare Systeme. Darüber hinaus setzen innovative Quartierslösungen bereits heute auf Sektorkopplung und zeichnen sich durch ihre integrierten Ansätze aus. „Quartierslösungen können viele Probleme lösen, die wir heute auf der Verteilnetzebene sehen, insbesondere durch den direkten Verbrauch am Erzeugungsort“, so Becker weiter.

Prof. Dr. Chirine Etezadzadeh verwies auf die unterschiedlichen Ausrichtungen, die auch international mit Smart-City-Konzepten verfolgt werden. Während man in Asien Smart-City-Ansätze sehr technologieaffin interpretiere, lege man in Nordamerika einen Fokus auf die Hoheit über die Daten. In Entwicklungsländern setze man smarte Stadtentwicklungskonzepte ein, um den infrastrukturellen Rückstand schneller aufholen zu können. In (Nord-)Europa sei das Thema Smart City dagegen sehr stark durch Nachhaltigkeit und die Steigerung der urbanen Lebensqualität geprägt. „Wir müssen uns auch in Deutschland entscheiden, warum wir smarte Konzepte und die Digitalisierung einsetzen möchten. Digitalisierung als Mittel zum Zweck für mehr Lebensqualität und Ressourceneffizienz wäre eine wunderbare Idee, hinter die wir uns stellen können“, so Prof. Dr. Chirine Etezadzadeh. „Nachhaltigkeit ist für uns in Heidelberg eines der wichtigsten Triebfelder für die Entwicklung unserer Stadt. Dieser Fokus ist bei uns dabei weniger eine Frage der Umsetzung gesetzlicher Vorschriften von oben, sondern speist sich aus den Bedürfnissen und Ansprüchen der Menschen, die bei uns leben“, ergänzte Ralf Bermich. Heidelberg sei zwar auf einem guten Weg, aber lange noch nicht am Ziel. „Insbesondere im Winter, wenn keine PV zur Verfügung steht, sind wir mit dem Erreichten noch nicht zufrieden“, so Bermich. Hier spielt insbesondere auch das energiewirtschaftliche Know-how der Stadtwerke eine wichtige Rolle. „Für uns als Stadtwerke stellt sich eigentlich mehr die Frage, wie und wo wir am intelligentesten den Umbau unserer Infrastrukturen vorantreiben“, hob Michael Teigeler hervor. Das Holzheizkraftwerk in unmittelbarer Nähe zur Bahnstadt habe man nicht nur dort gebaut, um die Erzeugung möglichst nah an den Verbrauch zu bringen, sondern vor allem, weil sich an dieser Stelle der zentrale Einspeisepunkt des Wärmenetzes aus dem Kohlekraftwerk in Mannheim befindet. „Die Vernetzung an der richtigen Stelle ist entscheidend, um solche Projekte nicht nur umweltfreundlich, sondern auch wirtschaftlich betreiben zu können“, betonte Teigeler.

…weil Stadtwerke das können…

Prof. Dr. Chirine Etezadzadeh betonte, dass die besten Ideen für die nachhaltige Entwicklung von Städten immer aus den Stadtwerken heraus entwickelt würden. Die Städte hätten zwar alle das Thema Lebensqualität und Klimaschutz auf ihrer Agenda, aber die Ideen für die Umsetzung kämen aus den Stadtwerken. „Die Impulse kommen immer aus den Stadtwerken. Warum? Weil sie es können“, betonte sie. Das Gleiche gelte auch für die Möglichkeiten der Digitalisierung. „Die Energiewirtschaft kann Daten auswerten und darum wird sie es auch tun“, zeigte sich Prof. Dr. Chirine Etezadzadeh zuversichtlich. „Stadtwerke zeigen seit Jahrzehnten, dass sie Kundengeschäft können und damit haben sie den Schlüssel für ihr Geschäft der Zukunft in der Hand. Stadtwerke haben den großen Vorteil, dass sie das Vertrauen ihrer Kunden und ihrer Kommunen besitzen“, so die Expertin. Den Schritt in die Digitalisierung und damit vor allem in die intelligente Vernetzung von Themen zu gehen, sei eigentlich für Stadtwerke nur ein kleiner Schritt, da sie bereits über viele Voraussetzungen verfügen. „Wenn Stadtwerke die Voraussetzung für digitale Infrastrukturen und energieeffiziente Systeme schaffen, werden sie langfristig davon profitieren“, sagte sie.  

Kontrovers wurde die Diskussion um die Frage der Wirtschaftlichkeit solcher Projekte geführt. Einigkeit bestand darin, dass die Modernisierung städtischer Infrastrukturen nötig sei. Allerdings sei die Frage der Wirtschaftlichkeit dabei oft schwer nur kurzfristig zu erreichen. Bermich betonte, dass aus Sicht der Kommunen häufig die Frage nach der Attraktivität der Lebensqualität für eine Stadt wichtiger sei, als der kurzfristige Gewinn des Stadtwerks. Wenn Städte attraktive Lebensräume schaffen, würde sich dies auch in der Stadtentwicklung positiv widerspiegeln. Prof. Dr. Chirine Etezadzadeh betonte die Bedeutung von Kooperation, um die Wirtschaftlichkeit zu gewährleisten. „Gerade bei dem Thema Plattformen muss nicht jedes Stadtwerk seine eigene Lösung haben, hier gibt es Synergien“, sagte sie. Weitere Potenziale gäbe es in der Zusammenarbeit unter Nachbarstädten oder Kreisstädten. Die Entwicklung moderner urbaner Strukturen sei eigentlich mehr eine Frage der Überlebensfähigkeit von Städten und damit der Gesellschaft, als eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Prof. Dr. Chirine Etezadzadeh plädierte dafür, die vielen Förderprogramme nicht nur in Einzelprojekten und nach deren Vorgaben umzusetzen, sondern über Förderprogramme hinauszudenken.  „Pilotprojekte mit Partnern können hier sehr hilfreich sein“, betonte Teigeler. Gerade in Netzwerken wie Trianel und insbesondere auch dem Trianel Digital Lab könne man wichtige Erfahrungen aus solchen Projekten austauschen und voneinander lernen. „Auch im Sinne der Wirtschaftlichkeit lohnt es sich neue Themen gemeinsam anzugehen, sich die Kosten zu teilen und das Wissen wieder zusammenzuführen“, ergänzte Sven Becker.