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Stefan vom Endt live vom 24/7-Desk: „Im Kurzfristhandel sehe ich am Ende der Schicht, wie erfolgreich ich war“
Handel , Digitalisierung , Analyse und Prognose 05.10.2021

Ein Kurzfristhändler im Interview: „Am Ende der Schicht sehe ich, wie erfolgreich ich war“

Im Interview berichtet Stefan vom Endt über die Rolle des Händlers im kurzfristigen Energiehandel. Er ist Teamleiter des 24/7-Desk bei Trianel. Dort arbeiten neun Energiehändler im Schichtdienst und sind zuständig für den Intraday-Handel Strom und Gas, die Abwicklung der Day-Ahead-Auktionen sowie das Fahrplanmanagement.

Ist der Intraday-Handel etwas Besonderes?

Oh ja! Er ist das letzte Glied in einer langen Vermarktungskette – angefangen bei Jahres- und Monatsprodukten über den Day-Ahead-Handel für den nächsten Tag bis zum Intraday-Handel, also dem Handel bis kurz vor Lieferung. Der kontinuierliche Kurzfristhandel startet am Vortag um 15:00 Uhr. Besonders ist auch, dass der Handel bis fünf Minuten vor Lieferung möglich ist. Die kleinste Einheit ist dabei das Viertelstundenprodukt. Durch diese Kurzfristigkeit ist kein Tag wie der andere – und gerade das macht es für mich so spannend.

Die Herausforderungen des Kurzfristhandels im Energiemarkt

Was ist die größte Herausforderung?

Der Kurzfristhandel erfordert ständige Aufmerksamkeit, da sich die Situation am Markt minütlich verändern kann. Resultate sehe ich sofort von einer zur nächsten Stunde – anders als im Langfristhandel. Am Ende der Schicht ist sehr transparent, wie erfolgreich ich war.

Was bedeutet in dem Zusammenhang 24/7?

Zu jedem Zeitpunkt des Jahres ist ein Trader vor Ort auf dem Trading Floor. Durch das Schichtsystem bei Trianel ist der Desk rund um die Uhr besetzt. Wir haben ein rollierendes Dreischichtsystem mit Frühschicht, 6:00 bis 14:30 Uhr, Spätschicht 14:00 bis 22:30 Uhr und Nachtschicht, 22:00 bis 6:30 Uhr.

Beschreibe einen typischen Arbeitstag.

Die Handelsschicht startet mit der Übergabe. Dabei kläre ich mit meinem Kollegen, worauf heute zu achten ist, wie sich der Markt verhält, was gehandelt wurde und was unsere Positionen sind. Während der Schicht müssen dann fortwährend Markteinschätzungen gegengecheckt, Daten geprüft und Prognosen abgeklopft werden, Käufe und Verkäufe getätigt und Nominierungen durchgeführt werden.

Wenn ich nicht im Handel agiere, kümmere ich mich um die Weiterentwicklung der Handelsstrategien und die Weiterentwicklung der komplexen IT-Landschaft. Durch die ständige Veränderung des Marktumfeldes müssen auch die eigenen Systeme und Strategien ständig monitort, angepasst und weiterentwickelt werden, damit wir auch weiterhin in der Lage sind, für unsere Kunden und Trianel selbst bestmöglich am Markt zu agieren.

Die Energiehändler vom 24/7-Desk sind zuständig für den Intraday-Handel Strom und Gas, die Abwicklung der Day-Ahead-Auktionen sowie das Fahrplanmanagement.
Stefan vom Endt (Leiter 24/7-Desk, li) übergibt die Handelsschicht an Dr. Christian Schmitz (Leiter Short Term Desk)

Welches Ziel verfolgt ihr im Kurzfristhandel?

Einmal optimieren wir die Fahrweise der Erzeugungsanlagen und Gasspeicher, die wir bewirtschaften, zum Beispiel des kommunalen Trianel Gaskraftwerks in Hamm oder der zahlreichen Wind- und PV-Anlagen im Trianel Portfolio und dem Portfolio unserer Stadtwerke-Kunden. Dann geht es um die Bewirtschaftung der Beschaffungsportfolios unserer Kunden und die Sicherstellung einer hohen Bilanzkreistreue, also um die Vermeidung von Ausgleichsenergie. Bei kurzfristigen Änderungen in der Last oder in der Erzeugung im eigenen Portfolio können sie uns jederzeit ihre offenen Positionen übermitteln, um die Schwankungen auszugleichen. So profitieren sie von unserer langjährigen Markterfahrung.

Anforderungen an Energiehändler im Intraday-Handel

Was muss ein Trader mitbringen?

Grundvoraussetzung ist ein Interesse für Zahlen und Daten. Weiterhin muss er oder sie in einem gewissen Maß flexibel sein und die Bereitschaft zum Schichtsystem mitbringen. Weitere wichtige Punkte sind: selbstständiges Arbeiten und Stressresistenz. Ein Händler muss auch nachts im Schichtdienst allein in der Lage sein, Entscheidungen zu treffen. Wenn zum Beispiel bei negativen Preisen Wind- und PV-Anlagen vom Netz genommen werden müssen und der Handel auf Hochtouren läuft, kann es schon mal sehr stressig werden. Dann müssen wir Prioritäten setzen und es ist die Fähigkeit zum Multitasking gefragt. Ein Verständnis für die komplexe Systemlandschaft ist ebenfalls von Vorteil.

Stefan, kann man Energiehändler lernen?

Nach meinem Kenntnisstand gibt es keinen speziellen Studiengang oder eine klassische Ausbildung zum Energiehändler. Mit den entsprechenden Voraussetzungen, Lernbereitschaft und Interesse an der Arbeit lassen sich die Aufgaben aber gut erlernen.

Ich habe in Bochum Umwelttechnik und Ressourcenmanagement studiert. Zum Ende des Studiums arbeitete ich als studentische Hilfskraft am Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik in Oberhausen und bekam so Kontakt zur Energiewirtschaft. Dann ging es weiter zu Trianel und in den Trading Floor – das ist nun schon fast 10 Jahre her. Mich hat Handel schon immer interessiert.

Welche Rolle spielt die Automatisierung im Handel?

Der gesamte Handelsprozess ist bei uns bereits weitgehend automatisiert. Die Börsengeschäfte laufen automatisch in das Handelssystem und werden automatisiert nominiert. Ich muss also fast nichts mehr manuell verbuchen, wie das früher noch notwendig war. So kann ich mich mehr auf den Markt konzentrieren und die automatischen Prozesse überwachen. Der Markt ist dadurch aber auch schneller geworden. Früher hatte man länger Zeit, den Markt zu beobachten und den richtigen Handelszeitpunkt abzupassen.

Die Rolle eines Kurzfristhändlers im Energiehandel

Was bringt der Händler heutzutage noch in den Handel ein?

Erfahrung und manchmal auch das richtige Bauchgefühl spielen eine große Rolle – sonst könnte man da einen Autotrader hinsetzen. Aber die Maschine wäre immer einen Schritt hinterher, denn sie kann nur auf das reagieren, was am Markt passiert. Es ist schwierig, dem Autotrader eine eigene Erwartung zu geben. Zu erkennen, welche Daten in welcher Marktlage relevant sind, erfordert Erfahrung. Die Anzahl der Daten hat deutlich zugenommen, zum Beispiel durch die regulatorischen Transparenz-Pflichten an die Marktteilnehmer. 

Außerdem bedingt die immer stärkere europäische Vernetzung der Energiemärkte, dass verstärkt auch auf das Geschehen in den Nachbarländern geschaut werden muss. Der Markt ist durch die Automatisierung schneller und kleinteiliger mit vielen kleinen Deals im MW-Bereich geworden, wo früher im manuellen Handel weniger und größere Geschäfte getätigt wurden.

Wenn wir dieses Interview in zehn Jahren noch mal führen – was wird sich an deiner Arbeit verändert haben?

Die Automatisierung hat sicherlich weiter zugenommen und am Markt sind vielleicht wirklich nur noch Autotrader zu sehen. Aber der Mensch, der seine Einschätzung als Input für die Autotrader gibt, bleibt im Hintergrund wichtig. Außerdem wird es eine noch stärkere europäische Vernetzung geben, mit einem einheitlichen Markt von Portugal bis Finnland. Das führt zu noch mehr Daten, die es im Blick zu behalten gilt.

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