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Die drei Erfolgsfaktoren für digitale Geschäftsmodelle
Digitalisierung 01.01.2016

Die drei Erfolgsfaktoren für digitale Geschäftsmodelle

Gastbeitrag von Dr. Helmut Edelmann, Ernst & Young

Die Digitalisierung lässt neue Chancen und Risiken entstehen und erzeugt eine neue Welle der Veränderung im Energiesektor. Wie berührt die Digitalisierung die Megatrends Liberalisierung, erneuerbare Erzeugung, Dezentralisierung und Bedürfniswandel der Kunden? Mit welchen Produkten und Services sollten Stadtwerke agieren? EY-Energiewirtschafts-Experte Dr. Helmut Edelmann gibt Antworten.

Ein wesentlicher Treiber von Innovationen ist die Digitalisierung. Diese erfolgt in drei Stufen:

Stufe 1: Digitale Abbildung

In der ersten Entwicklungsstufe werden bestehende Geschäftsmodelle und -prozesse mithilfe digitaler Technologien an Kundenwünsche angepasst und/oder effizienter gestaltet (z. B. elektronische Abrechnung, Internetportal zur Eingabe des Zählerstandes).

Stufe 2: Digitale Ergänzung

Im zweiten Schritt werden die bestehenden Angebote und Geschäftsprozesse hinsichtlich Inhalt und Umfang weiterentwickelt und ergänzt (z. B. grafisch aufbereitete Verbrauchsinformationen mit Vergleichswerten zu einer Vergleichsgruppe; Möglichkeit, über das Internet den Zählerstand einzugeben und darauf basierend eine Anpassung der Abschlagszahlung vornehmen zu lassen).

Stufe 3: Disruptive Digitalisierung

In der dritten Entwicklungsstufe führt die Digitalisierung zu disruptiven, d. h. gänzlich neuen Geschäftsmodellen, die die Regeln der Energiebranche radikal verändern und bestehende Geschäftsmodelle zerstören können.

Die erste Stufe dürften nahezu alle Stadtwerke – zumindest teilweise – erklommen haben. Die zweite Stufe steht derzeit im Fokus der Branche. Bezüglich der dritten Stufe stellt sich die Frage, wie neue und kreative Geschäftsmodelle bzw. welche neuen und kreativen Geschäftsmodelle entwickelt werden können, die ggf. die bisherigen Regeln auf den Kopf stellen.

Disruptive Geschäftsmodelle breiten sich in der Energiewirtschaft zunehmend aus – häufig werden sie zunächst von neuen Playern entwickelt und in den Markt gebracht, aber auch Stadtwerke sind auf diesem Gebiet bereits erfolgreich unterwegs.

1. Partnerschaftsnetzwerke

Der zunehmend schnelle technologische Wandel führt zu häufigeren und kürzeren Anpassungszyklen in den Unternehmen. Neue Technologien müssen bewertet und dann gegebenenfalls in die eigenen Geschäftsprozesse integriert werden. Die Auswirkungen neuer wettbewerblicher Angebote und Geschäftsmodelle sind zu analysieren, um daraufhin eventuell Gegenmaßnahmen ergreifen zu können. Zudem ist zu prüfen, ob diese neuen Geschäftsmodelle übernommen oder adaptiert werden können.

Insbesondere kleinere und mittlere Stadtwerke können sich kaum noch mit allen aktuellen und für das eigene Geschäft relevanten Entwicklungen auseinandersetzen. Ignorieren ist jedoch keine Alternative, da die Risiken des Nichtstuns zu groß sind. Unternehmen müssen sich daher viel stärker fokussieren, d. h. auf ihre eigenen Kernkompetenzen und Stärken konzentrieren. Die Handlungsfelder, in denen man nicht selbst aktiv sein möchte oder kann, werden dann über Partnerschaften abgedeckt.

2. Flexible und leicht skalierbare IT­Plattformen

Besonders stark wirkt sich die Digitalisierung (natürlich) im Bereich der IT-Systeme und -Anwendungen aus. Es existieren kaum noch Geschäftsprozesse, Produkte und Services in der Energiewirtschaft, die ohne IT-Unterstützung auskommen. Jede regulatorische, technologische oder kundengetriebene Veränderung in der Energiewirtschaft wirkt sich damit auch auf die IT-Landschaft eines Stadtwerks aus. Daher werden anpassungsfähige IT-Systeme benötigt, die mit möglichst geringem Aufwand erweitert und bei denen Veränderungen in den Funktionalitäten berücksichtigt werden können.

Die Lösung sind skalierbare IT-Plattformen, die sich schnell und leicht erweitern und anpassen lassen. Eine möglichst weitgehende Harmonisierung der IT-Strategien und -Architekturen innerhalb von Partnerschaftsnetzwerken führt so zu den größtmöglichen Effizienz- und Schnelligkeitsvorteilen gegenüber isolierten, unternehmensindividuellen Lösungen.

3. Kulturwandel

Last, but not least ist bei den Unternehmen der Energiewirtschaft ein Kulturwandel notwendig, damit sie in digitalen Märkten erfolgreich sein können. Dieser Kulturwandel betrifft in erster Linie

  • die Veränderungsbereitschaft,
  • die Einstellung gegenüber Kunden und Mitarbeitern sowie den Umgang mit diesen und
  • das Rollenverständnis der Führungskräfte und aller Mitarbeiter.

Die wachsende Häufigkeit und Schnelligkeit von Veränderungen verlangt eine erhöhte Veränderungsbereitschaft. Unternehmen, die primär die Risiken einer Veränderung und nicht deren Chancen sehen, sind weniger offen für einen notwendigen Wandel. Dann besteht die Gefahr, die entscheidenden Trends zu verpassen. Dies bedeutet auf der anderen Seite jedoch nicht, dass man kritiklos jedem Hype hinterherlaufen sollte.

In einer digitalen Welt nimmt die Bedeutung von Wissen zu. Stadtwerke, denen es am besten gelingt, das im Unternehmen und durch Partnerschaften vorhandene Wissen, Beziehungen und Erfahrungen flexibel und situativ zu nutzen, werden im Wettbewerb gewinnen. Starres, d. h. hierarchisches und bürokratisches Denken ist hierbei nur hinderlich.

Führungskräfte müssen daher alles dafür tun, die Rahmenbedingungen im Unternehmen so zu gestalten, dass sich das Wissen bestmöglich entfalten kann. Gefragt sind bei Führungskräften insofern zunehmend Entscheidungs- und Gestaltungskompetenz und weniger Fachkompetenz.

Fazit

Stadtwerke benötigen neue Wachstumsperspektiven. Diese eröffnen sich in der Regel nur über neue Geschäftsmodelle. Dabei gilt es, die Zeichen der Zeit zu erkennen und Trends aufzugreifen: Dezentralisierung, der Ausbau der erneuerbaren Energien und der Wandel des Verbrauchers („Consumer“) zum Prosumer, begleitet von der Ausbreitung digitaler Technologien, bieten genügend Möglichkeiten und Ansatzpunkte für innovative Neuerungen. Virtuelle Kraftwerke, KWK mit Wärmespeicher, Mieterstrom oder Smart Metering sind nur einige Beispiele. Mit ihrer dezentralen Ausrichtung haben Stadtwerke eine bekannt gute Ausgangssituation, aus der viele häufig zunächst unbekannte Wege in die Zukunft weiterführen. Um sie einzuschlagen, sind Mut und eine professionelle Vorbereitung erforderlich. Unabdingbar dazu gehören zudem Partnerschaften, skalierbare IT-Plattformen und ein Kulturwandel in den Unternehmen.

Die drei Erfolgsfaktoren für digitale Geschäftsmodelle

Autor

Dr. Helmut Edelmann ist Director bei Ernst & Young im Bereich Power & Utilities für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Er berät Energieversorgungsunternehmen im Business Development und in strategischen Fragestellungen aufgrund von Liberalisierung und Regulierung. Er ist Autor zahlreicher Fachartikel.