Kleiner Junge mit Hockey-Schutzhelm

Moderne Kraftwerksvermarktung: Mit Delta-Hedging auf der sicheren Seite

Jun 2019

Dieser Artikel wurde ursprünglich in 2016 veröffentlicht. Im Juni 2019 haben wir ihn für Sie mit neuen Inhalten aktualisiert.

Delta-Hedging hört sich wie ein Begriff aus dem Aktienhandel an. Übertragen auf den Energiesektor steckt dahinter eine clevere Handelsstrategie für den Einsatz von Kraftwerken: Mit Hilfe des Delta-Hedgings verfolgen Kraftwerksbetreiber das Ziel, den Wert ihrer Anlage über die Stromvermarktung zu sichern.

Die Vermarktung von konventioneller Kraftwerkskapazität hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Zum einen hat der Ausbau der erneuerbaren Energien einen viel weniger kalkulierbaren Einsatz von Gas-, aber auch Kohlekraftwerken zur Folge. Die volatile Erneuerbaren-Einspeisung sorgt zudem vor allem im Kurzfristhandel für starke Preisbewegungen. Zum anderen haben sich am langen Ende die Commodity-Preise (CO2, Strom, Erdgas, Kohle) seit 2018 ordentlich und oft nach oben bewegt. Das alles führt zu wirtschaftlichen Verwerfungen und stark schwankenden Deckungsbeiträgen beim Betrieb eines Kraftwerks.

Um die Deckungsbeiträge zu maximieren, braucht es neben den passenden Produkten auch eine geeignete Vermarktungsstrategie. Aufgrund der volatilen Preisbewegungen an den Großhandelsmärkten ist der richtige Vermarktungszeitpunkt immer schwerer zu bestimmen. Wer auf steigende Erzeugungs-Spreads setzt und seine Stromerzeugung lange nicht vermarktet, während die Märkte sich jedoch in die andere Richtung bewegen, kann erhebliche Verluste erleiden.

Realoption Kraftwerk

Eine interessante Alternative zu herkömmlichen Bewirtschaftungsmethoden ist das dynamische Delta-Hedging, insbesondere zur Vermarktung von Strom aus konventionellen Steinkohle- und Gaskraftwerken. Das Delta-Hedging zu verstehen erfordert ein wenig Händler-Know-how. Es ist eine Vermarktungsstrategie, bei der das Kraftwerk als Realoption interpretiert wird.

Da der Betreiber berechtigt ist, Strom zu Grenzkosten aus dem Kraftwerk zu beziehen, handelt es sich um je eine Call-Option pro Zeitintervall. Ziel dieser Strategie ist die Wertsicherung des gesamten aktuellen Optionswerts (Summe aus innerem Wert und Zeitwert einer Option) gegen Preisänderungen. Strike-Preis der Option sind die vom Brennstoffpreis und dem Preis für Emissionsberechtigungen abhängigen Grenzkosten.

Der Wert der Option hängt von der Marktsituation zum Betrachtungszeitpunkt ab. Der innere Wert entspricht dem Deckungsbeitrag der optimalen zukünftigen Kraftwerksfahrweise, die gegen die aktuelle Hourly Price Forward Curve (HPFC) ermittelt wurde. Er ist abhängig von den aktuellen Terminpreisen für Strom, Brennstoff und Emissionsberechtigungen und den daraus ermittelten Grenzkosten und Startkosten des Kraftwerks. Der Zeitwert der Option entspricht dem zusätzlichen Wert, der aus der Flexibilität erwächst, das Kraftwerk zu betreiben oder stillstehen zu lassen. Er ist abhängig von den Preisentwicklungen und wächst mit der Volatilität.

Der Zeitwert ist umso größer, je näher der Marktpreis für Strom an den Grenzkosten liegt („Option am Geld“). Liegen die Strompreise weit unter den Grenzkosten des Kraftwerks, ist die Option weit „aus dem Geld“: Selbst bei hoher Volatilität ist es nicht möglich, das Kraftwerk wirtschaftlich zu betreiben. Ist die Option weit „im Geld“, wäre das Kraftwerk selbst bei großen Preisschwankungen mit Maximallast eingeschaltet. 

 

Abb. 1: Wert einer Option

Das Prinzip besteht darin, zur Absicherung des Optionswertes genauso viel Strom auf Termin zu vermarkten, dass bei einer Strompreisänderung die Wertänderung der Hedge-Position genau entgegengesetzt zur Änderung des Optionswertes ist.

Bei fallenden Strompreisen wird der bereits verkaufte Strom billiger und kann mit Gewinn zurückgekauft werden. Bei wieder steigenden Strompreisen wird der Strom teurer und kann erneut mit Gewinn verkauft werden. So wird der Deckungsbeitrag in einem volatilen Markt erhöht und abgesichert.

Softwareunterstützte Kraftwerkseinsatz-Optimierung

Nicht außer Acht gelassen werden dürfen dabei die Kosten, wie Transaktionskosten, oder die handelbaren Mindestmengen, die die Wirtschaftlichkeit der Käufe und Verkäufe beeinflussen. Zur Absicherung des Optionswertes werden in der Regel liquide Produkte genutzt, wie Kalenderjahrprodukte, die sukzessive in Quartals-, Monats-, Wochen-, Wochenenden- und Tagesprodukte heruntergebrochen werden. Die Entscheidung, das Kraftwerk einzuschalten, wird schließlich auch Day-Ahead und Intraday getroffen.

Trianel hat für das Delta-Hedging eine eigene Applikation entwickelt: DeltaWatT. Das Programm führt für unterschiedliche Kraftwerke die notwendigen Berechnungen durch – den aufwendigen Teil über Nacht – und stellt die Ergebnisse übersichtlich dar. DeltaWatT ist für die Realisierung der Strategie des dynamischen Delta-Hedgings unerlässlich. Mit Hilfe dieser Applikation managt Trianel das Erzeugungsportfoliomanagement für eigene Kraftwerksanteile und die ihrer Kunden. 

Ihr Ansprechpartner

Dr. Bernd Jürgens
Senior Portfoliomanager
Assetoptimierung / Asset Portfoliomanagement
Fon: +49 (0)241 413 20-970
E-Mail: b.juergens@trianel.com

Glossar

Was verstehen wir unter Option, Hedging und Erzeugungs-Spread? Unser Glossar gibt Ihnen die Antworten.

  • Innerer Wert: Deckungsbeitrag der optimalen zukünftigen Kraftwerksfahrweise, die gegen die aktuelle HPFC (Hourly Price Forward Curve) ermittelt wird.
  • Delta (Option): Erste Ableitung der Optionspreisformel nach dem Marktpreis. Gibt an, um wie viel Euro der Optionspreis steigt oder fällt, wenn der Wert des Underlying sich um einen Euro ändert.
  • Hedging: bezeichnet im Wesentlichen Absicherungsgeschäfte und dient zur Risikominderung ungünstiger Marktentwicklungen durch das Abschließen von Handelsgeschäften. Als Standardprodukte zur Absicherung zählen Future-, Forward- oder auch SWAP-Geschäfte.
  • Erzeugungs-Spread: Kennzahl zur Bewertung der Wirtschaftlichkeit konventioneller Erzeugungsanlagen. Der Erzeugungs-Spread wird durch die Differenz zwischen Strompreis und Erzeugungskosten (Brennstoff- und CO2-Zertifikatskosten unter Berücksichtigung des Wirkungsgrades der Anlage) bestimmt. Die bekanntesten Erzeugungs-Spreads sind der Clean Dark Spread (Brennstoff: Steinkohle) und der Clean Spark Spread (Brennstoff: Erdgas). Durch die Bezeichnung Clean wird die Berücksichtigung der CO2-Zertifikatskosten ausgedrückt (ohne Emissionskosten: Dirty Spread).
  • Day-Ahead-Markt: Der Handelsmarkt für den nächsten Liefertag. Die Handelsteilnehmer nutzen den Day-Ahead-Markt, um Beschaffung und Verkauf von Strommengen kurzfristig zu optimieren.
  • Intraday-Markt: Im Intraday-Handel werden Stromkontrakte mit Lieferung am selben oder folgenden Tag nach Börsenschluss gehandelt. Börsenteilnehmer kaufen aufgrund eines erhöhten Bedarfs zusätzliche Strommengen ein oder veräußern überschüssige Mengen.
  • Grenzkosten: Kosten zur Produktion einer zusätzlichen Einheit (z.B. 1 MWh Strom)
  • Realoption: Der optionale Strombezug aus Kraftwerken wird in der Theorie als Realoption bezeichnet. Kraftwerksbetreiber können sich entscheiden, den benötigten Strom selbst zu erzeugen oder, sofern der Strompreis unter den Grenzkosten des Kraftwerks liegt, ihn am Markt einzukaufen und das Kraftwerk auszuschalten. Die Grenzkosten des Kraftwerks stellen dabei den Strike-Preis der Option dar, die Fixkosten des Kraftwerks die Optionsprämie.
  • Call-Option: Bedingtes Termingeschäft, d.h. der Optionskäufer hat das Recht (nicht die Verpflichtung), eine Ware am Ausübungstermin für den Ausübungspreis zu kaufen. Für dieses Recht ist in der Regel eine Optionsprämie an den Veräußerer der Option zu zahlen.
  • Volatilität: Maß für die Schwankungsintensität eines Wertpapierkurses oder Index um seinen Mittelwert innerhalb eines bestimmten Zeitraums. Dabei gibt die Volatilität nicht die Richtung der Preisschwankungen an, sondern die Amplitude. Je höher die Volatilität, umso stärker kann der Kurs nach oben und unten ausschlagen. Man unterscheidet zwischen der historischen und der impliziten Volatilität. Während die historische Volatilität mit den zurückliegenden Preisen des Underlyings eines bestimmten Zeitraums berechnet wird und in Prozent des Underlying-Durchschnittspreises angegeben wird, ist die implizite Volatilität eine Größe, die aus den beobachteten Preisen für Optionen abgeleitet wird, und orientiert sich damit an der Erwartung der Marktteilnehmer bezüglich der zukünftigen Volatilität.

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